Holzlöffel

Uraltes Esswerkzeug

Wer seine Suppe einmal mit einem handgeschnitzten Holzlöffel ausgelöffelt hat, wird dieses archaische Gefühl nur ungern wieder gegen das moderne Metallklappern an den Zähnen tauschen wollen. Holzlöffel sind weich und angenehm im Mund und erhitzen sich kaum, was gerade auch Kindern gefällt.

 

Der Löffel gilt als das älteste aller Esswerkzeuge. Bei Ausgrabungen der Stadtsiedlung Çatal Hüyük in der Nähe des heutigen anatolischen Konya wurden 8000-10'000-jährige Löffel aus Knochen gefunden, die vermutlich beim Kochen wie auch beim Essen verwendet wurden. Zuerst benutzte der Mensch der Urzeit statt der Hand zum Schöpfen vielleicht schalenähnliche Muscheln, Knochen, Holzstücke, Kokosnüsse oder Kürbisse. Mit der Zeit kam der Stiel dazu und der «Schalen-Teil», die «Laffe», erhielt eine kleinere, schmalere Form, die man in den Mund nehmen konnte. Löffel waren überall da von Nutzen, wo die Nahrung zum Anfassen zu heiss und zum Essen von Hand zu flüssig, zu glitschig oder zu körnig war.

Ein Löffel für alles
Hochzeit in Konya: alle essen mit dem Löffel aus einer Platte

In der Türkei wird der Löffel nach wie vor vielseitig verwendet: zum Löffeln von Suppen und Breien wie auch zum Essen von Reis- und Bulgurgerichten. Diese werden – meist mit Fleisch- oder Gemüsestücken belegt – auf grossen Platten in die Mitte der runden Tablett-Tische gestellt. Jeder isst mit seinem Löffel genau den Teil des Gerichtes, der sich vor ihm befindet. So bleibt die Hygiene gewahrt: Man taucht die eine Kante des Löffels ins Essen und nimmt die andere Kante in den Mund.

Sich kreuz und quer durch das Essen zu löffeln oder gar sich die besten Brocken zu erobern, gilt als unanständig. Es liegt im Ermessen des Gastgebers bzw. des Ältesten am Tisch, Kindern oder Gästen speziell Feines zuzuschieben. Als besonders segensreich wird das Häufchen angesehen, das am Ende des Mahls in der Mitte der Platte übrig bleibt. Es aufessen zu dürfen, ist eine Ehre.

Die Speisenauswahl bei einer traditionellen anatolischen Hochzeit (speziell in Konya), bei Beschneidungsfeiern oder Leichenmahlen lässt es zu, dass alles, von der Suppe über das Pilaw bis zum Kompott mit einem Löffel gegessen werden kann. In nicht wenigen Männerjacken- und Frauenhandtaschen fand sich noch bis vor wenigen Jahrzehnten ein Holzlöffel, mit dem man für allfällige Hochzeits- oder andere Festessen gerüstet war. Einladungen erfolgten oft spontan, oder man erfuhr von den Nachbarn, wo «der Pilaw ausgeschüttet» wurde, und ging ebenfalls hin.

Von Hand geschnitzt
vom Holzklotz zum Löffel

Angesichts der Wichtigkeit des Löffels wundert es wenig, dass die Holzlöffelmacherei früher ein wichtiges und eigenständiges Gewerbe war. In Konya hat die Zahl der Löffelschnitzer zwar wie in anderen Gegenden Anatoliens abgenommen, aber in ein, zwei winzigen Läden findet man die schönen Gebrauchsgegenstände immer noch.

Die Löffel sind meist aus Buchsbaum-, Pappel-, Birnbaum- oder Wacholderholz. Sie werden alle mit speziellen, jahrhundertelang erprobten Gerätschaften aus dem Holz geschlagen, geschnitzt und fein geschliffen (>türkischer Dokumentarkurzfilm auf YouTube). Kochlöffel bleiben roh, die Esslöffel werden mit einem besonderen, ungiftigen Harzlack überzogen, Schmucklöffel als Dekorgegenstände mit Miniaturbildern oder Blumenmotiven bemalt.

Löffelmystik
ein handgeschnitzter Esslöffel

Mustafa Sami Onay ist Löffelschnitzer in vierter Generation, einer der letzten im anatolischen Konya und geehrt durch die Unesco-Liste der lebendigen Traditionen. Bei unserem Besuch im Frühling 2018 erzählte er uns mehr über sein uraltes Handwerk und die darin verborgene Symbolik.

Das Löffelschnitzen hat in Konya eine Tradition, die Hunderte Jahre zurückreicht. Ein wichtige Rolle spielte dabei der Sufiorden der Mevlevi, der «drehenden Derwische», dem auch Mustafa angehört. Die Schüler dieses Ordens wurden nicht nur in religiösen Dingen unterrichtet, sondern auch in Natur- und Geisteswissenschaften sowie in Fächern, die Geschicklichkeit, Sorgfalt und Geduld förderten. Das Schnitzen gehörte ebenso dazu wie Kalligraphie, Koran-Ornamentik («tezhip»), Steinhauerei oder das Marmorieren von Papier («ebru»).

Mustafa vergleicht den Löffel mit dem Menschen und das Schnitzen mit dessen Formung und Erziehung: Wenn der Löffelmacher das Löffelholz vom vom Stammholz trennt, «weinen» beide Seiten, Kind und Mutter, drei Tage lang. Erst nach dem Trocknen kann mit der Bearbeitung begonnen werden. Der erste Schlag mit dem Beil erfolgt in den «Hals» des künftigen Löffels. So wird der Kopf (der Verstand) gebildet und vom Körper (dem Gefühl und dem Ego) gelöst.

Die gelborange Farbe der Esslöffel ergibt sich durch eine Behandlung mit Henna. Der Naturlack («rugan») besteht aus Fichtenharz, Lein- und Mandelöle, die 38 Stunden lang im Wasserbad gesimmert werden. Anschliessend wird der Lack während mehrerer Tage von Hand in sieben Schichten aufgetragen, welche die sieben Himmel der Schöpfung symbolisieren.


Wer Türkisch versteht,
erfährt in diesem >YouTube-Video eines TV-Senders in Konya weitere Einzelheiten zur Bedeutung des Holzlöffels in der alten Seldschukenstadt und ihrem Sufiorden.

Ausprobieren
hölzerne Löffel in einer Schale

Wer das Kochen und Essen mit den archaischen Holzlöffeln ausprobieren möchte, findet bei Fanafillah immer eine kleinere oder grössere Auswahl. In der Regel führen wir aus aus Istanbul kleine Löffelchen für Fr. 3.-- bis 5.-- sowie aus Konya rohe Holzlöffel mit langen oder kurzen Stielen für Fr. 6.-- bis 8.--, lackierte Esslöffel für Fr. 12.--, mit Blumen bemalte für Fr. 15.-- und Speziallöffel mit kunstvollen Griffen für Fr. 35.--.

Den Vorteil der hölzernen Suppen- oder Breilöffel werden Sie schnell erkennen: sie werden nicht heiss wie die metallenen Vettern der Neuzeit, fühlen sich im Mund angenehm weich an und sind dadurch vor allem auch für Kinder sehr geeignet. Wenn es einen Nachteil gibt, dann den, dass man sie nur von Hand abwaschen sollte. Ganz so, wie es die Hausfrau oder der Hausmann vor 10'000 Jahren auch schon tat.