Unbekannte türkische Berufe

Ein Schuhputzer in Istanbul mit Kunde

Von Schuhputzern und Blutegelhändlern

Einige unserer Produkte werden in der Türkei von Handwerkern hergestellt oder von Händlerinnen verkauft, die es in dieser Art in der Schweiz nicht oder nicht mehr gibt. Und auf unseren Einkaufsreisen treffen wir immer wieder auf weitere Vertreter unbekannter und zum Teil aussterbender Berufe. Deshalb wollen wir Ihnen hier einige vorstellen.

 

Schuhputzer

Bei uns unbekannt, in der Türkei jedoch weit verbreitet und wohl noch nicht so schnell vom Aussterben bedroht ist der Beruf des Schuhputzers (ayakkabı boyacısı). In grossen Städten wie in kleinen Dörfern gibt es Männer jeden Alters, die sich um die Sauberkeit und das Wohlergehen des Schuhwerks kümmern: kleine Jungen mit einfachen Holzschachteln an einem Trageband, die durch die Strassen ziehen und jeden um Arbeit fragen, dessen Schuhe auch nur ein bisschen staubig aussehen. Männer mit grösseren, an beiden Enden treppenartig aufsteigenden Kästen und glänzenden Farbenflaschen, die an bestimmten Plätzen auf Kundschaft warten. Und die Highclass-Putzer mit überdeckten Kabinen, Riesen-Kästen und einer Art Thron für König Kunde. An Putzpreis und Ausstattung lässt sich ablesen, wie erfolgreich ein Putzer sein Geschäft betreibt und ob er der Stadtverwaltung Platzmiete und Arbeitserlaubnis bezahlt. Übrigens: die Schuhe werden in der Regel an jedem Putzstand ganz grossartig gereinigt und poliert. Sie haben Mühe mit der Idee, dass einer wie ein Sklave zu Ihren Füssen arbeitet? Sie können die Schuhe auch ausziehen und in zur Verfügung gestellten Pantoffeln irgendwo im Hintergrund sitzen und ein Glas Tee trinken.

Sesamkringelverkäufer
Ein simitçi in Istanbul mit seinem Sesamkringelturm

Wohl jeder, der schon in der Türkei gereist ist, kennt die berühmten Sesamkringel Simit, ein ringförmiges Brötchen aus leicht gesalzenem und mit Sesam bestreutem Hefeteig. Ihre Verkäufer – oft auch Jugendliche, die neben der Schule dazuverdienen (müssen) – schichten die Kringel gerne zu imposanten Türmen, die sie auf dem Kopf balancierend durch die Strassen tragen. Von Hygienekommissionen kontrollierte simitçi halten die Sesamringe hinter Glas in speziellen, fahrbaren Vitrinenwagen. Relativ neu sind die «Simit Saray», die z.B. in Istanbul überall aus dem Boden schiessen: eine Art MacDonald für Sesamkringel, die nature und gefüllt mit Käse, Wurst, Oliven oder Süssem für wenig Geld mit einem Getränk angeboten werden. Uns schmecken die Dinger immer noch am besten vom Strassenstand, geteilt mit Freunden, bei einem Glas Tee.

Limonadenverkäufer
zwei limonatacı mit Kunde vor der Hagia Sophia

In folkloristischem Gewand, auf dem Rücken einen grossen Krug tragend und um den Bauch einen Gürtel für die Gläser – so sieht man den klassischen Limonadenverkäufer (= limonatacı) noch z.B. im Park zwischen der Hagia Sophia und der Sultanahmet Moschee in Istanbul. Für wenige Lira bietet er eine erfrischende Zitronenlimonade, manchmal auch Erdbeer- oder ähnliche verdünnte Fruchsäfte an (und für einen Aufpreis gibt's auch ein Foto). Seine Berufskollegen mit festen oder fahrbaren Ständen pressen Orangen-, Granatapfel-, Karotten-, Grapefruit- und andere Säfte, die von Kundinnen und Kunden ebenfalls direkt vor Ort getrunken werden. In den heissen Sommermonaten sind übrigens auch Wasserverkäufer unterwegs, die in Gassen und auf Plätzen eisgekühltes Wasser in Fläschchen oder im Glas anbieten.

Schleckstengelverkäufer
bunte Zuckermassen in einem Blechtablett

Süsses Glück verkauft der Schleckstengelverkäufer (sekerci): Während in vielen Geschäften und an Kiosken Schleckstengel wie bei uns abgepackt erhältlich sind, bietet der nostalgische Sekerci seine farbigen Zuckermassen offen an. Ein rundes Aluminiumtablett mit fünf Feldern steht auf einem kleinen, tragbaren Tischchen. Für wenig Geld wickelt der Zuckerhändler dann nach Wunsch des Kunden die klebrige Pracht um ein Holzstäbchen. In Istanbul findet man den Sekerci nur noch per Zufall, z.B. im Park zwischen der Hagia Sophia und der Sultanahmet-Moschee oder irgendwo auf der Hauptstrasse in Beyoglu.

Essiggemüsehändler
ein Verkaufswagen mit eingelegtem Essiggemüse in Istanbul

Mit Essig, Salzlake oder Zitronensaft eingemachtes Gemüse (= tursu) wird in der Türkei gerne und zu allen möglichen Gelegenheiten gegessen, z.B. als Beilage zu traditionellen Speisen wie weisse Böhnchen in Tomatensauce. Kennen wir vor allem die Essiggurken, sind in der Türkei auch Pepperoni und Paprika beliebt, Tomaten und Kohl, unreife Aprikosen und Pflaumen, Auberginen und Bohnen, Zwiebeln und Knoblauch. Nicht nur das Eingelegte wird geliebt, sondern auch der salzig-säuerliche Saft. So sehr, dass verschiedene Händler mit fahrbaren Ständen (= seyyar tursucu) sich mit diesen Köstlichkeiten ihren Lebensunterhalt verdienen (z.B. neben den Schiffanlegestellen im Istanbuler Eminönü-Gebiet).

Kaninchenwahrsager

Sie sind selten geworden, die niyetçi, aber doch noch ab und zu anzutreffen (z.B. bei den Blumenhändlern hinter dem Ägyptischen Basar in Istanbul): ältere Männer mit einem farbigen Holzkäfig auf einem Ständer. Auf diesem Käfig sitzen ein, zwei Kaninchen, die irgendetwas mümmeln. Vor den Kaninchen liegt ein hölzernes Tablett, in das viele viele zusammengefaltete Zettel eingesteckt sind. Auf den Zetteln stehen Sprüche wie «Du hast Glück», «Morgen wirst Du einen Brief bekommen» oder «Ein schönes Mädchen wartet auf Dich». Als Kundin oder Kunde müssen Sie sich etwas wünschen, das Sie aber für sich behalten. Dann zieht ihnen eines der Kaninchen für ein paar Rappen mit den Zähnchen ein Zettelchen aus dem Tablett. Der Spruch auf dem Zettel besagt dann, was aus ihrem Wunsch wird. Vielleicht geht er ja in Erfüllung.

Barbier
Necati bei seinem Lieblings-berber im grossen Bazar von Istanbul

Türkische Barbiere betreiben eigentliche Schönheitssalons für Männer und sind in der Regel Meister ihres Fachs. Sie sind nicht nur für akkurat-klassische oder verwegen-moderne Haarschnitte zuständig, sondern auch für ein Rasurritual, das mehr ist, als es sich Freunde der schnellen Trockenrasur vorstellen können. Zuerst trägt der Barbier (= berber) aufs Gesicht des Kunden eine leichte Crème auf. Dann wird mit dem Pinsel warmer, cremiger Seifenschaum so lange in die Barthaare einmassiert, bis sie weich sind.

Jetzt erfolgt der erste Rasierdurchgang: mit einem Rasiermesser und konzentrierten Bewegungen. Ein zweites Einseifen und ein zweiter Rasierdurchgang folgen. Erst wenn das letzte unerwünschte Barthaar entfernt ist, wäscht der Barbier das nun glatte Männergesicht mit lauwarmem Wasser und trägt Alaun auf. Dieser entspannt die Haut, desinfiziert und stoppt eventuelle kleine Blutungen. Als nächstes wird in einer entspannenden Massage erneut Crème aufgetragen, danach Babypuder aufgestäubt und zuletzt eine heisse Kompresse aufgelegt. Am Ende gibts auf Wunsch Parfüm. Zusatzleistungen sind beispielsweise Schnauztrimmen, Nasenhaarschneiden, Augenbrauenkorrekturen oder das Abflammen der sichtbaren Ohrbehaarung. Ein Glas Tee und Männertratsch sind inklusive. (Bei Fanafillah finden Sie diverse >Rasierutensilien für den Eigenversuch.)

Taubenfutterverkäufer/in
Taubenfutterverkäuferin in Istanbul

Die Taubenfutterverkäufer/innen (kus yemi satıcısı) führen ihre winzigen Stände auf Plätzen, wo sich viele Tauben aufhalten, z.B. vor der Yenicamii-Moschee beim Ägyptischen Bazar in Istanbul. Sie verkaufen Mais und Weizen in kleinen Portionen und für ein paar Rappen an alle, die den Vögeln etwas Gutes tun wollen. «Wer Tieren kein Mitleid zeigt, dem wird Allah auch kein Mitleid zeigen», heisst es in den Hadithen. Viele füttern die Tauben auch, damit diese ihre Wünsche in den Himmel tragen mögen. Das Taubenfüttern in der Nähe einer Moschee, kann also nie schaden – und verhilft einigen v.a. älteren Menschen zu einem kleinen Verdienst. Dass Taubendreck auch türkische Mauern zerstört, lässt sich dadurch allerdings nicht vermeiden.

Gesuchschreiber

In der Nähe von Behörden und Gerichten finden noch einige Gesuchschreiber (arzuhalcı) ihr Auskommen. Sie sitzen an winzigen Tischchen vor einer Schreibmaschine und füllen für Hilfesuchende, oft im Umgang mit amtlichen Papieren Ungeübte, Formulare, Anträge u.ä. aus. Übrigens: In der Armee waren früher offenbar professionelle Briefschreiber aktiv, die den Soldaten dabei halfen, Briefe für ängstliche Mütter und Verlobte zu verfassen, oder ihnen je nach «Thema» fertige Standardbriefe verkauften.

Holzlöffelschnitzer

Der Löffel, wohl der menschlichen Handmulde nachempfunden, gilt als das urtümlichste aller Esswerkzeuge und wird in der Türkei nicht nur zum Löffeln von Suppen und Breien, sondern sehr oft auch zum Essen von Reis- und Bulgurgerichten verwendet. Die traditionelle Speisenauswahl bei einer traditionellen anatolischen Hochzeit (speziell in Konya), bei Beschneidungsfeiern oder Leichenmahlen lässt es zu, dass alles, von der Suppe über das Pilaw bis zum Kompott mit einem Löffel (= kasık) gegessen werden kann. In nicht wenigen Männerjacken- und Frauenhandtaschen fand sich noch bis vor wenigen Jahrzehnten ein Holzlöffel, mit dem man für allfällige Hochzeits- oder andere Festessen gerüstet war. Einladungen erfolgten oft spontan, oder man erfuhr von den Nachbarn, wo «der Pilaw ausgeschüttet» wurde, und ging ebenfalls hin. Angesichts der Wichtigkeit des Löffels wundert es wenig, dass die Holzlöffelmacherei (= kasıkçı) früher ein wichtiges und eigenständiges Gewerbe war. Die Löffel für den Alltagsgebrauch waren meist aus Buchsbaum- oder Wacholderholz, speziellere aus Ebenholz, Horn, Kokosschale u.a. Die Esslöffel wurden von Hand geschnitzt, geschliffen und mit einem speziellen, ungiftigen Harzlack überzogen. Wer ausprobieren möchte, wie angenehm das Essen mit den archaischen Holzlöffeln ist (sie werden z.B. nicht heiss wie Metalllöffel), findet bei uns immer eine kleine Auswahl ab Fr. 5.-- (>mehr). Einen Dokumentarfilm aus der Serie «ellerin türküsü» (türk. «Das Lied der Hände») des türkischen Kanal B über die Löffelmacherei im Dorf Taraklı finden Sie >hier auf YouTube.

Blutegelverkäufer
Blutegel in Wasserbehältern

Blutegel werden fast nur noch in der Türkei und in Ungarn wild gefangen und sind bei europäischen Naturärzten geschätzt. Bereits die Osmanen exportierten die heilkräftigen Tierchen zu Therapiezwecken. Während bei uns die Blutegeltherapie langsam wieder an Bedeutung gewinnt und erstaunliche Resultate verzeichnet, verkaufen in der Türkei nur noch einige wenige Strassenhändler Blutegel (= sülük) an eine immer kleiner werdende Kundschaft, die um ihren Nutzen weiss. In der Regel warten die sülükçü an belebten Plätzen und halten ihre Tiere in grossen, durchsichtigen Wasserbehältern feil.

Steppdeckennäher

Früher wurden Bettdecken von guter Qualität mit einer Füllung aus reiner Baumwolle oder Wolle und buntem, seidenem Satin-Bezug gefertigt. Der Bezug wurde wie bei den amerikanischen Quilts in kunstvollen geometrischen oder ornamentalen Mustern von Hand abgesteppt. Weil die türkischen Steppdecken recht dick und schwer sind und das Nähen viel Kraft braucht, wurde und wird die Arbeit in der Regel von Männern ausgeführt, die ihr Handwerk in jahrelanger Lehrlingstätigkeit erlernten (= yorgancı). Noch bis vor rund 10-15 Jahren wurden in jedem türkischen Haushalt mehrere dieser prachtvollen Decken in grossen Wandschränken für Familie und Gäste bereitgehalten. Heute haben einfache Wolldecken oder billige Synthetikduvets die teureren «Yorgan»-Steppdecken verdrängt. Viele Steppdeckennäher (yorgancı) mussten ihre Ateliers aufgeben oder nähen heute Bettwäsche oder Bettüberwürfe. Auf Bestellung kann man aber immer noch klassische Steppdecken herstellen lassen.

Baumwollklopfer

Die Baumwollfüllung für die oben beschriebenen Steppdecken wird von sogenannten Baumwollklopfern (= hallaç) aufbereitet. Sie benutzen dazu einen Klopfer und eine Bogensehne. Sie stellen den Bogen auf die Baumwolle und schlagen mit dem Klopfer auf die Sehne. Dadurch beginnt die Baumwolle in Flocken zu fliegen und sich aufzulockern. Früher hatten die hallaç eigene Werkstätten, gingen aber auch mit ihrem Werkzeug durch die Strassen und suchten rufend nach Kundschaft. Die Anwohnerinnen breiteten auf dem Balkon oder im Garten ein Tuch aus, auf dem sie dann einmal im Jahr ihre ausgelegte Baumwolle auflockern liessen. Die Arbeit der Baumwollschlager ist heute weitgehend von Maschinen übernommen worden.